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Ausstellung 16.4. - 16.5.2010

Der gedehnte Blick

Thomas Bachler, Bärbel Möllmann, Oliver Möst, Karen Stuke, Ronka Oberhammer, Gabriele Worgitzki

Camera obscura Arbeiten der Gruppe Linsenfrei

Vernissage Freitag, 16.4.2010 ab 19.00 Uhr
Einführung Dr. Sabine Graf

Das Wahrnehmen ist vor allem und in erster Linie persönlicher Natur. Im Falle der Fotokunst ist die Aufnahme rein mechanischer Natur. Die Fotografie nimmt auf, nicht wahr. Der Schwerpunkt des Projektes Linsenfrei - Der Gedehnte Blick - liegt in der Auseinandersetzung mit der visuellen Wahrnehmung und – in Erweiterung dieses Themas – der Diskrepanz der mechanischen Wahrnehmung zum emotionalen persönlichen Erleben. Die Lochkamera (Camera obscura) ist eine Kamera, die statt eines Objektivs ein kleines Loch hat. Linsenfrei ist eine offene Gruppe von Fotokünstlern, die ihre Arbeiten mithilfe dieser Technik aufnehmen.

Der gedehnte Blick: Warten ist eitel wie die Welt

Aura sei, bestimmte Walter Benjamin, die „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag.“ Wir haben es mit einer Situation oder einer Sache zu tun, die in eine bestimmte Zeit, in einem bestimmten naturgegebenen, gesellschaftlichen oder kulturellen Hintergrund eingebunden ist. Doch mit der technischen Möglichkeit, Bilder von Dingen und Menschen zu vervielfältigen und diese auch außerhalb ihres angestammten Umfeldes zu zeigen, verfiel die Aura zusehends. Die Dinge rückten näher und wurden jedermann verfügbar. Benjamin folgert daraus: „Die Entschälung des Gegenstandes aus seiner Hülle, die Zertrümmerung der Aura, ist die Signatur einer Wahrnehmung, deren Sinn für das Gleichartige in der Welt so gewachsen ist, dass sie es mittels der Reproduktion auch dem Einmaligen abgewinnt.“

Buchstäblich wurden Tiere aus ihrer Hülle geschält und anderswo im Zoo ausgestellt. Was uns bislang verborgen war, rückt ganz nah: Das Innerste öffnet sich dem Blick zum Zweck des Spektakels, der Schaulust. Das ist die hier gehandelte Ware. Zeitgleich kümmert sich in derselben Stadt eine Ausstellung mit Malerei ebenfalls um den Körper. Auch er wird gehäutet, doch umlagert ihn zugleich durch ausgewählte Beigaben im Bildraum ein dichtes Gewebe von Erinnerungen, die den Blick zwischen Nähe und Ferne changieren lassen.

Nun gut, das kann man sich sparen. Hier und heute geht es um genau dieselben Themen, wobei die hier zu Tage tretende Vielschichtigkeit den andernorts favorisierten Häutungen Paroli bietet. Mehr noch sie bringt Problem und Lösung zusammen.
Die Fotografie besitzt die Kraft, die Aura eines Dinges zu zerstören und zugleich sie wieder aufzubauen, wenigstens die Ahnung davon in sich zu tragen.
Dabei lassen sich zwei Spielarten im Umgang mit dem Medium Fotografie unterscheiden: Die Simulation und die Reflexion.
Der Unterschied liegt im Bewusstsein der Lügen, zu denen man sich bekennt oder die man vertuscht.

Wer die Simulation wählt, der braucht Ersatzstoffe, aus denen er die von der Fotografie vernichtete Aura neu erschafft. Das erinnert an den Zauberer, der um seinen entscheidenden Trick durchführen zu können, mit Licht, Musik, Assistenten und jeder Menge Glitzerzeug ein Ablenkungsmanöver inszeniert. Er spielt auf Zeit. Nichts anderes macht der Fotograf. Er inszeniert das Warten, lässt es jeden wissen, wie mühsam, langwierig es ist, welche zum Teil wochenlangen Entbehrungen notwendig sind, bis sich eine Situation ergibt, in der sich das, worauf man wartet in einem magischen Moment ergibt, in höchster Konzentration zusammenfindet, der Höhepunkt erreicht ist und endlich der Auslöser klickt.

Der Fotograf als Hüter des Augenblicks lädt sich selbst mit einer Aura auf, die sich seiner unverhohlenen Meisterschaft, diese Momente zu fixieren verdankt. Er beherrscht die Technik und kann noch im kürzesten aller Momente den Bildraum erfassen, so dass die Komposition stimmt. Dabei weiß er noch das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden. Und das alles in einem Augenblick, der so nicht wieder kommt, aber dank ihm für die Ewigkeit erhalten bleibt. Die Fotografie entschädigt sich für ihre Helferrolle durch die Inszenierung als Kunst. Der Fotograf erliegt seiner Eitelkeit. Doch was eitel ist, hat seine Zeit und ist endlich. Dann bleiben wenigstens die Fotos – für die Ewigkeit. Lange nur ein Satz, der mit einem Glas Wasser ad absurdum zu führen war. Jetzt nur zu wahr und eine Drohung dank hinter Acrylglas versiegelter Fotos.
Ob auf Papier oder in Plastik eingeschlagen, dabei wird der Fotografie nachträglich eine Aura untergeschoben, die noch auf den Fotografen übergreift. Es ist eine künstliche Ferne und selbst die Nähe trügt. Auch dafür liefert die ummittelbare Gegenwart den Beweis in Gestalt der von Annie Leibowitz und ihren Kollegen für ein amerikanisches Modelabel fotografierten Britney Spears, deren retuschierte Fotos man zusammen mit den nicht-retuschierten Aufnahmen veröffentlichte. Nähe und Ferne, Original und Fälschung verlagern sich ganz auf das Feld der Fotografie. Die Wirklichkeit gerät außer Sicht.

Na endlich, eine Einsicht. Aber hier kommt die Simulation nur der Reflexion nahe. Den entscheidenden Schritt macht sie nicht. Der Eindruck bleibt, dass hier nur eine längst gebräuchliches Verfahren vorstellt, um scheinbar verlorenes Terrain zurückzuerobern.

Wie natürlich kann etwas sein, wie künstlich ist ein Bild? Es kommt auf den Grad der Lüge an, wie bewusst man sich ihr ist. Die Camera obscura umkreist die Aura und weiß um deren Verlust. Die Kiste mit Loch fixiert ein Bild. Die hier gebräuchliche Technik erhebt keinen Anspruch darauf, ein Dokument der Wirklichkeit zu schaffen. Das ist von vorneherein ausgeschlossen. Aber darin liegt ihre Ehrlichkeit. Sie erhebt nicht den Anspruch auf ein Abbild der Wirklichkeit.
Tiefenschärfe als Indikator des Tatsächlichen oder die kalkuliert eingesetzte Unschärfe, lange Zeit das besondere Anzeichen des Künstlerischen, sind keine Indizien für Kunst oder Wirklichkeit. Beide bestimmen das Bild, mehr nicht. Sie treiben kein kalkuliertes Siel mit Nähe und Ferne. Sie schaffen sie einfach. Die Kiste mit Loch verzichtet auf den Einsatz einer Linse. Hier ist eine Entscheidung gefallen: Gegen das Weiter-so mit einer Technik, die als neutral empfunden wird. Die Objektivität des Mediums Fotografie wird angezweifelt. Das ist fürwahr nicht neu, weil seit den Anfängen der Fotografie bereits serienmäßiges Zubehör. Nur gerät es allzu leicht in Vergessenheit oder wird überbetont.

Die Lochkamera schiebt sich zwischen die beiden Extreme und versucht dabei das Maß an Selbstbetrug und Lüge klein zu halten oder wenigstens darauf hinweisen, dass beides immer vorhanden ist. Sie verweigert die Simulation der Wirklichkeit. Sie tut nicht so, als ob alles in Ordnung und die Fotografie nur ein neutrales Medium wäre. Sie erinnert, dass im Foto die Wirklichkeit immer in Eigenleistung des Fotografen entsteht. Jedoch ist dieser kein Held mehr, der die Wirklichkeit schafft, indem er sie besiegt. Die Lochkamera ist das bestechliche Auge eines Menschen. Sie ist fehlbar und fehlsichtig wie dieser.
Diese Verweigerung einer tadellosen Reproduzierbarkeit setzt Ferne und Nähe wieder in ein Verhältnis. Und zwar mit den Mitteln der Fotografie, die gerade dieses Verhältnis einst so empfindlich störten. Zeit dauert eben. Es gibt keine Abkürzung. Nichts stellt sich von selbst scharf oder kann scharf gestellt werden. Die Dinge bleiben immer fern, so nah und alltäglich sie auch scheinen.

Der Zauberer verrät auf offener Bühne seine Tricks, anstatt sie in einem Wirbel der Effekte zu verbergen.

Ein wichtiges Element der Arbeit mit der Lochkamera ist buchstäblich die Langweile, eines der höchsten Güter unseres Lebens. Zeit besitzen und sie verstreichen zu lassen, das ist eine besondere Qualität. Die Lochkamera feiert die Dauer, anstatt sie nur als das zu sehen, was ausgehalten werden muss, bevor der Auslöser klickt.

Der Weg ist schon das Ziel, wenn es sein muss, auch in der dem Schlaf dienenden Nacht, um diese abgehalfterte Wort zu bemühen. Die Lochkamera erfasst Raum-Zeit-Kontinuen. Sie zeigt den Prozess, nicht nur das Ergebnis.

Nähe und Ferne wieder in ein Verhältnis zu setzen und in Umrissen eine Aura zu schaffen, mag eine Leistung der Lochkamera sein. Doch wäre es kurzsichtig, nur darauf zu setzen, anstatt weiter mit Nähe und Ferne zu spielen. Das Pixel als kleinstes Bildelement der Lochkamera zeigt verblüffende Verbindungen zwischen digitalem und analogem Arbeiten sind. Video und Lochkamera, bewegtes Bild und Raum-Zeit-Kontinuum berühren sich und gestalten das Verhältnis von Nähe und Ferne aus. Das Alltägliche eines Flohmarkts rückt in eine Ferne. Nennen wir es Aura.

Sich der allseitigen Verfügbarkeit durch Tiefstapelei mittels einer alten Fototechnik zu entziehen, bezeugt Widerstandskraft gegen die Hightech-Hochstapelei. Doch selbst die Verneinung der Hochglanzfotografie schafft neue Bilder, die auf dem Markt gehandelt werden. Von wegen, kein richtiges im Falschen: Der Markt erwischt alle, der Pakt mit dem Teufel unterzeichnet jeder, auch wenn er nicht will. Vielleicht macht er es nicht, aber dann sein Galerist oder Manager.

Erfreulich ist die Abkehr vom Spektakel, um den Blick auf das Unspektakuläre richten.
Wer präsentiert mir die weiße Wand? Wenn diese nicht selbst längst korrumpiert wäre, zwei mal drei Meter Diasec, um zum Schluss auf den Fotografen und Kurator Rupert Larl zu verweisen, der dem Katalog zur Ausstellung einen erfreulich ungezierten Text voranstellte.

„Das wahre Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.“ Ferne Nähe, nahe Ferne, wie gehabt. Oscar Wilde dankt sich diese Einsicht. Ob man das Geheimnis aufdecken soll, ist weniger die Frage, als danach, wie es geschieht. Ehe man es sich versieht, hat man die Lüge mit einer neuen Lüge entlarvt. Aber zwei Lügen ergeben selten eine Wahrheit.
Es geht darum, den Grad der Lüge und des Selbstbetrugs so gering wie möglich zu halten. Das Beste, Einzige, was man tun kann, egal was man tut, ob man Kunst macht oder lebt.

Wenn ich von einer Ausstellung wie „Magnum am Set“ höre, denke ich mir: Warum kann man nicht einfach mal die Klappe halten. Oder den Verschluss komplett offen.

©SABINE GRAF